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Green IT - Teil 1: Was ist eigentlich "grüne" Software?

Interview

Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit IT-Hardware ist vielen ein Begriff. Ob Rechenzentren oder PC-Hardware: Überall gibt es mittlerweile Ansätze, die entsprechenden Produkte ressourcenschonend zu entwickeln und einzusetzen. Nicht zuletzt die steigenden Energiekosten stellen Unternehmen vor die Herausforderung, ihre IT nachhaltig zu betreiben. Welche Auswirkungen hierbei allerdings die eingesetzte Software hat, ist häufig kein Thema. Dabei scheint das Potential von nachhaltig entwickelter und genutzter Software unterschätzt zu werden.

Im neuen IT-Radar Interview sprechen wir deshalb mit Prof. Stefan Naumann und Markus Dick vom Umwelt-Campus Birkenfeld über Green IT, nachhaltige Softwareprodukte und das Forschungsprojekt "GreenSoft".

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Interview zum Thema "Green IT" - Teil 1/4 (MP3, ca. 10 MIN)

Das Interview zum Nachlesen:

Liebe Hörerinnen und Hörer, herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe des IT-Radar-Interviews. Wir sind heute am Umwelt-Campus Birkenfeld der Fachhochschule Trier und sprechen mit Professor Naumann und Herrn Markus Dick über das Thema Green IT. Professor Naumann ist seit 2008 Professor für Grundlagen der Informatik und Mathematik sowie Umwelt- und Nachhaltigkeitsinformatik hier am Campus. Außerdem ist er Projektleiter im Projekt „Green Software Engineering – GreenSoft“ am Umweltcampus Birkenfeld gemeinsam unter anderem mit Herrn Markus Dick.

Herr Professor Naumann, Herr Dick, herzlich willkommen zum Interview.

Hr. Dick: Herzlich Willkommen.

Prof. Naumann: Willkommen.

In einem Artikel auf Heise.de war 2009 zu lesen, es bleibe abzuwarten, ob und wann sich aktiver Umweltschutz in der IT-Branche durchsetzt. Damit gemeint war vor allem die Erweiterung des Begriffs der Green IT von Hardware auch auf Software. Wie ist es Ihrer Meinung nach um das Umweltbewusstsein bei Softwareentwicklern im Jahr 2012 bestellt?

Prof. Naumann: Ich denke eine Aussage darüber, wie das Umweltbewusstsein des einzelnen Softwareentwicklers ausgeprägt ist, kann man nicht treffen. Wir beobachten jedoch, dass die Bedeutung des Themas Green IT auch in Softwareunternehmen zunimmt, passend sozusagen zur Entwicklung in der Gesamtgesellschaft. Das heißt konkret, dass es in diesem Bereich eine steigende Wachsamkeit in Bezug auf Umweltfragestellungen gibt.

Im Bereich der klassischen Green IT ist es so, dass wir bereits eine gewisse Praxisnähe erreicht haben. Green-IT-Konzepte werden in Rechenzentren usw. umgesetzt. In der Softwareentwicklung ist das noch nicht im gleichen Ausmaß der Fall.

Das liegt auf der einen Seite daran, dass es in diesem Bereich noch nicht so viele Werkzeuge und Methoden gibt, um tatsächlich nachhaltige oder umweltfreundliche Software zu entwickeln. Auf der anderen Seite liegt das aber auch daran, dass die Nachfrage nach nachhaltiger Software auf Kundenseite noch nicht wirklich explizit ist. Wenn ich ein anderes Produkt herstellen lasse, zum Beispiel einen Kühlschrank oder ein Auto, dann fragt der Auftraggeber automatisch: Was verbraucht denn das, was in meinem Auftrag produziert wird? Bei Software wird das Thema allenfalls am Rande angesprochen oder dann, wenn die Energie begrenzt ist, wie zum Beispiel bei mobilen Systemen. Bei „normaler“ Software, also Desktop- oder Server-Software spielt das eine untergeordnete Rolle. Das heißt also, wir beobachten diesbezüglich momentan noch begrenztes aber dafür steigendes Bewusstsein.

Wir haben auch eine Befragung zu dem Thema in der IKT-Branche durchgeführt und wollten wissen, wie die Vertreter der Branche eigentlich zum Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit stehen. Dabei war zu erkennen, dass Interesse an der Thematik vorhanden ist, dass sich das aber eben noch nicht in konkreten Prozessen äußert oder umsetzen lässt, sondern eher mitschwingt. An diesem Punkt, das Bewusstsein für die Problematik zu erzeugen, setzt unser Projekt an. Dabei wollen wir das Bewusstsein nicht nur bei den Softwareentwicklern verstärken, sondern auch bei denen, die die Software bestellen, die Software nutzen und die Software warten. Ich denke, in der gesamten Kette der Akteure ist es notwendig, das Verständnis für die Thematik zu erhöhen, um die Informationstechnik insgesamt etwas nachhaltiger oder noch nachhaltiger als bisher zu gestalten.

In Ihrer Veröffentlichung „The Greensoft model – a reference model for green and sustainable software“ geben Sie eine Definition für grüne bzw. nachhaltige Software an. Demnach ist nachhaltige Softwareentwicklung die Kunst, durch einen nachhaltigen Softwareentwicklungsprozess grüne Software zu entwickeln. Was für eine Rolle spielt der nachhaltige Softwareentwicklungsprozess im Rahmen dieser Definition?

Hr. Dick: Der Lebenszyklus von Software muss bei der Softwareentwicklung insgesamt im Blick bleiben, das heißt von der Herstellung über die Nutzung bis hin zur Außerbetriebnahme. Insofern spielt der nachhaltige Softwareentwicklungsprozess die eigentlich tragende Rolle im GreenSoft-Modell.

Wenn wir den Softwareentwicklungsprozess als solchen anschauen ist es natürlich wichtig, dass zum einen die Softwareentwicklung selbst umweltfreundlich oder ökologisch verträglich durchgeführt wird. Das betrifft die Vorgehensweise sowie das Unternehmen, in dem die Software entwickelt wird und dabei konkret Umwelteinflüsse, wie z. B. die Verkehrswegenutzung der Projektmitarbeiter, um zum Softwareentwicklungsstandort zu gelangen sowie die Verkehrswege zu den Projektpartnern oder –beteiligten, die zurückgelegt werden müssen.

Zum anderen kommt im Wesentlichen dazu, dass wir auch die spätere Nutzung der Software während der Entwicklung im Blick haben wollen. Das heißt, welche Umweltverbräuche von der Software bei ihrer Anwendung induziert werden, zum Beispiel wie viel Energieverbrauch die Software erzeugt oder wie viele Hardwaregeräte durch den Einsatz einer Software eventuell ausgetauscht werden müssen, weil die Performanz der älteren Hardware dafür nicht mehr ausreicht. Weitere Aspekte beziehen sich darauf, welche Auswirkungen die Software in ihrer Anwendungsdomäne hat. Das heißt, wie werden Wege oder Strecken durch Einsatz einer Software verlängert oder kommt es zu einem erhöhten Aufwand im Bereich der Datenkommunikation?

Wir sprachen bisher über den Softwareentwicklungsprozess, aber was genau ist eigentlich nachhaltige, also grüne Software?

Prof. Naumann: Dafür gibt es keine feste oder amtliche Definition. Wir sehen im Prinzip drei Bereiche, nach denen wir klassifizieren. Zum einen ist nachhaltige Software eine Software die nachhaltig produziert wurde, so wie wir es gerade beschrieben haben. Das heißt, dass der Entwicklungsprozess als solcher nachhaltig ist. Das beinhaltet zum Beispiel die Frage, ob das Softwareentwicklungsunternehmen Ökostrom einsetzt oder vielleicht noch ein Managementsystem hat. Der Prozess der Herstellung, auch wenn Software ein scheinbar immaterielles Produkt ist, kann und muss nachhaltig sein.

Die Software selbst beurteilen wir hinsichtlich ihrer Umweltwirkungen auf zwei Weisen. Zum einen geht es darum, wie ihr direkter Betrieb die Umwelt beeinflusst, indem zum Beispiel Ressourcen im IKT-Bereich verwendet werden, also letztlich Strom mit dem Server betrieben werden und ähnliches, das sind direkte Umweltwirkungen von Software. Eine Software ist dann als nachhaltig zu bezeichnen, wenn diese Umweltwirkungen möglichst gering sind, hier kommen dann Aspekte wie Virtualisierung – ein klassisches Stichwort aus der Green IT – zum Tragen.

Des Weiteren gibt es indirekte Wirkungen, die der Kollege bereits benannt hat, denn die Software selbst ist zu einem bestimmten Zweck gedacht. Denken wir an das aktuelle Thema Smart Grid. In diesem Zusammenhang wird Software generell einen großen Einfluss darauf haben, wie wir die Energiewende gestalten können. Dazu gehört beispielsweise, dass Energie dort verbraucht werden kann, wo sie produziert wird und dass das dezentral sowie erneuerbar geschieht.

Das heißt, dass Softwareprozesse umweltfreundlich gestaltet werden können. Zusammengefasst ergeben sich also drei Bereiche: Software soll umweltfreundlich produziert werden, Software soll selbst umweltfreundlich betrieben werden und Software soll möglichst einen Umweltnutzen haben, dann wäre es nachhaltige Software. Dabei kann der letztgenannte Aspekt natürlich nicht immer erfüllt werden. Mit einer Textverarbeitung kann beispielsweise alles Mögliche geschrieben werden und wenn das ein Gedicht ist, dann hat das keinen Umweltnutzen, aber trotzdem kann die Software nachhaltig sein.

Wenn man die Nachhaltigkeit von Software bestimmen will, ergibt sich das Problem, dass man sich fragen muss, wie die Umweltwirkungen der Software überhaupt bestimmt werden können. Wenn ich ein Auto habe, dann weiß ich, ich fahre 100 km und verbrauche acht, sechs oder möglichst nur drei Liter. Wenn ich eine Software habe, wie bewerte ich eigentlich deren Umweltverbrauch?

Wir haben das im Forschungsteam intensiv diskutiert und überlegt, wie beispielsweise eine typische Browsernutzung als Nutzungsfall herangezogen werden kann, um zu messen, wie viel Strom verbraucht die Software bei dieser durchschnittlichen Nutzung. Allerdings ist das bei Software nicht so einfach, weil sie in der Regel eine Menge Funktionen hat und weil es nie zwei völlig gleiche Nutzungen gibt, das heißt, man muss sich Standardnutzungsfälle überlegen.

Das zweite Problem betrifft den Bereich der Messverfahren. Um nachhaltige Software zu bewerten, kann man nur Dinge vergleichen, die auch vergleichbar sind. So werden zum Beispiel im Automobilbereich Autos Klassen zugewiesen, sodass man den Kleinwagen für den Stadtbetrieb nicht mit einem Offroader vergleicht, weil sie eben verschiedenen Klassen angehören. Bei Software ist das ähnlich: Es macht nur Sinn Software zu vergleichen, die ähnliche Aufgaben erfüllen, beispielsweise Browser untereinander oder Textverarbeitungssysteme miteinander. Ebenfalls möglich ist es, dass man von derselben Software verschiedene Versionen vergleicht, beispielsweise Firefox 6 und Firefox 7. Wenn man die Umweltfreundlichkeit einer Software wirklich bewerten will, ist es immer wichtig, genau zu schauen, was man vergleicht, um Ergebnisse zu haben, die interpretierbar sind.

Lesen Sie im nächsten Teil des Interviews mehr über das Forschungsprojekt "GreenSoft" und das Referenzmodell!

Das Interview führten Katharina König und Philipp Rothmann



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