IT-Radar

...ein Service der Universität Duisburg-Essen

Ausbildung von Usability-Experten

Interview

Im dritten Teil des IT-Radar Interviews zum Thema Usability lag der Fokus auf der Ausbildung von Experten in diesem Bereich. Welche Fertigkeiten und Fähigkeiten können Unternehmen von Usability-Professionals erwarten? Auf welche Aspekte sollten angehende Fachleute auf diesem Gebiet während ihrer Ausbildung besonders wert legen? Und wird die Ausbildungssituation in Deutschland den Anforderungen, die an Usability-Experten gestellt werden überhaupt gerecht? Diesen und weiteren Fragen sind wir mit Prof. Mädche nachgegangen.

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Interview zum Thema "Usability" - Teil 3/3 (MP3, ca. 10 MIN)




Das Interview zum Nachlesen

Bisher haben wir darüber gesprochen, welche Bedeutung Usability für die Unternehmen hat. Nun stellt sich die Frage, wer denn die Usability in den Unternehmen tragen kann. Damit kommen wir zum Punkt der Ausbildung: Wenn man sich Stellengesuche für Usability-Experten ansieht, fällt ganz schnell auf, dass es keine einheitliche Bezeichnung für diese Leute gibt und dass es auch kein einheitliches Berufsbild darüber gibt, was die Fachkräfte leisten können sollen. Woran können sich denn Unternehmen bei der Suche nach geeigneten Mitarbeitern zunächst orientieren?

Das ist in der Tat ein großes Problem. Es gibt einen Berufsverband „Usability and User Experience Professionals“, die German UPA, die in ihrem jährlichen Branchenreport eine Statusübersicht über die Berufsbezeichnungen von Usability-Experten gibt und wie diese Bezeichnungen sich über die Jahre entwickelt haben. Leider habe ich keine einfache Antwort auf Ihre Frage.

Man sollte sich unter anderem diesen Branchenreport anschauen, aber am Ende des Tages muss man sich ein Bild über den jeweiligen Mitarbeiter machen. Außerdem muss man sich sehr gut überlegen, was man von diesem Mitarbeiter erwartet: Ist es eher Design oder ist es eher Usability-Engineering als eine Art benutzerzentrierter Anforderungserhebung und Gestaltung. Ich glaube, dass Mittelständler an vielen Stellen - und das hat auch unsere Studie ergeben - durchaus mit Dienstleistern zusammen arbeiten sollten, weil die ein breites Portfolio an Dienstleistungen anbieten, vom Logodesign bis hin zu einer Portfolioplanung zur weiteren Produktentwicklung. Entsprechend wäre auch meine erste Empfehlung, nicht sofort einen spezifischen Mitarbeiter einzustellen, sondern zunächst zu schauen, was brauche ich eigentlich, wo gibt es im Unternehmen schon Skills, wo kann ich vielleicht existierende Mitarbeiter weiterentwickeln.

Die besten Mitarbeiter sind natürlich diejenigen, die sowohl technologisches Know-How haben und sich mit Usability auskennen. Die gibt es jedoch leider selten. Aber auch hier denke ich, dass es angebracht ist, Entwicklung zu betreiben bzw. die Dienstleistung gezielt einzukaufen.

Wenn es Menschen gibt, die sich insbesondere für die Usability von Software interessieren, gibt es denn da etwas, von dem sie sagen würden, das diese betreffenden Personen unbedingt in ihre Aus- und Weiterbildungspläne einbeziehen sollten?

Ich hatte es vorhin schon gesagt, ein guter Usability-Engineer muss mit Entwicklern sprechen können. Es reicht also nicht Gestaltungsfähigkeiten zu haben oder kreativ zu sein, sondern ein gewisses grundlegendes Technikverständnis brauche ich, um mit den Entwicklern überhaupt sprechen zu können, damit die mich ernst nehmen und damit wir auf einer Ebene operieren.

Meine Empfehlung wäre daher, jedem, der in der Richtung interessiert ist und studiert, sich technisch zumindest grundlegend fit zu machen. Das Portfolio bzw. dieser Job ist einfach sehr breit und ich denke man muss sich dem entsprechend interdisziplinären Charakter öffnen. Ich glaube, es wird auch in Zukunft die große Herausforderung sein, solche Leute auszubilden. Momentan passiert diesbezüglich leider noch zu wenig in Deutschland.

Wenn Sie sagen, es passiert noch zu wenig und gerade auch den interdisziplinären Aspekt ansprechen, was wäre denn ihre Vorstellung davon, wie Universitäten und Hochschulen ihre entsprechenden Studiengänge aufbauen könnten, damit die Studierenden das Entsprechende lernen, was sie dann als Usability-Professional umsetzen können?

Primär glaube ich, dass man erst einmal Awareness für das Thema schaffen muss und zwar in den unterschiedlichsten Disziplinen. Es geht also nicht nur darum spezifische Usability-Engineers zu entwickeln.

Ich hatte gerade eben die Grundlagenvorlesung „Informationssysteme für Betriebswirte“. Die Betriebswirte werden durchaus mit der Fragestellungen konfrontiert, wie entwickele ich Produkte. Und dafür bearbeiten wir grundlegende Usability-Engineering-Konzepte und führen zum Beispiel Personas, damit sie verstehen, dass es so etwas überhaupt gibt. Sie müssen nicht in aller Tiefe verstehen, wie gewisse Dinge kognitionspsychologisch geschehen, sondern es geht darum, dass sie ein grundsätzliches Verständnis davon bekommen, was das eigentlich ist und warum das wichtig ist. Aber auch an der Fakultät für Informatik ist es wichtig, dass man den Informatikern, also den eher technisch geprägten Leuten, verdeutlicht, dass das wichtige Konzepte sind. Es reicht nicht nur UML-Klassendiagramme zu malen, sondern man muss sich überlegen, wie Use-Cases wirklich auf Individuen, die Endbenutzer, wirken. Bei der Gegenüberstellung von „Actor“ und „Persona“ muss verstanden werden, dass es durchaus noch etwas gibt, dass näher am Menschen ist, als der abstrakte Actor-Begriff in einem Use-Case-Klassendiagramm. Ich glaube – und das ist das Problem an diesem Thema – dass es um unterschiedliche Disziplinen geht.

Es gibt nicht die eine Fakultät an einer Uni, die sich für dieses Thema interessiert oder sich dafür verantwortlich fühlt, sondern das muss eigentlich in die Curricula von unterschiedlichen Studiengängen aufgenommen werden. Das benutzerzentrierte Gestalten von Lösungen betrifft alle, die einen anwendungsorientierten Studiengang besuchen, seien es Maschinenbauer, Informatiker oder auch Betriebswirte.

Zum Schluss wünschen wir uns immer noch einen Ausblick in die Zukunft von unseren Interviewpartnern. In dem Zusammenhang wäre unsere Frage an Sie diesmal: Welche Entwicklungen erwarten Sie denn in den nächsten Jahren, oder welche Entwicklungen halten Sie in den nächsten Jahren im Bereich Usability auf Seiten der Softwareherstellungsfirmen für nötig, vielleicht auch im internationalen Vergleich?

Gerade aus Herstellersicht kann man sehen, dass die agilen und schlanken Entwicklungsmethoden mittlerweile sehr schön angefangen haben den Entwickler oder den Entwicklungsprozess und die dabei beteiligten Menschen in den Vordergrund zu stellen. Es wurden Rollen geschaffen, wie der „Product Owner“ oder der „Scrum Master“, die explizit zusammenarbeiten und klare Aufgaben haben.

Sie vertreten auch verschiedene Aspekte des Produktentwicklungsprozesses. Den technischen und eher fachlichen Aspekt vertritt beispielsweise der „Product Owner“.Das hatte ich vorhin schon gesagt: Ich glaube, dass im Rahmen des Themas Interdisziplinarität inklusive cross-funktionale Teams – die eben nicht nur aus Product Owner und SCRUM Master bestehen, sondern vielleicht auch noch aus dem „Usability Owner“ – noch viel passieren muss. Denkbar wären hier zum Beispiel ein Vorgehensmodell oder Prozessmodelle, die es ermöglichen, die Ganzheitlichkeit des Entwicklungsprozesses noch konsequenter über die rein technische Perspektive der Softwareentwicklung hinaus zu überdenken.

Man sieht darüber hinaus ganz klar, dass die Industriealisierung der Softwareindustrie analog zu anderen Industrien, wie die Automobilindustrie, zu einer Spezialisierung führen wird, wobei die cross-funktionale Zusammenarbeit zunehmend intensiviert werden wird.
Es ist nun einmal so: Wenn ich ein Automobil entwickele, dann ist derjenige, der das Design des Automobils entwirft, nicht derjenige, der den Motor baut. Und das sollte auf Software übertragen werden. Heutzutage ist es leider immer noch so, dass die Leute, die eine Datenbank anlegen, auch das entsprechende User-Interface entwickeln und das kann eigentlich nicht funktionieren. Ich glaube, auch hier muss man darüber nachdenken, wie wir die Prozesse entsprechend aufsetzen, sodass der Handover zwischen den unterschiedlichen Akteuren funktioniert. Das ist alles andere als trivial. Wenn ich spezialisiere muss ich mir sehr gut überlegen, wie die Schnittpunkte zwischen den einzelnen Akteuren ausschauen.

Nun zu Ihrer Frage zum internationalen Vergleich. Ich glaube insbesondere in Deutschland haben wir ein starkes Alleinstellungsmerkmal: Wir verfügen über tiefes Branchen-Know-How. Die SAP hat das jetzt mittlerweile vierzig Jahre lang sehr erfolgreich vorgemacht. Die SAP hat nicht über Technologie sondern über Prozesswissen differenziert. Wenn wir es schaffen, dieses Prozesswissen auch bei mittelständischen Unternehmen, die hochspezialisiert Lösungen für bestimmte Prozesse oder Branchen entwickeln, mit dem Thema Gebrauchstauglichkeit zu verknüpfen – also Lösungen zu schaffen, die man auch bedienen und nutzen will – dann haben wir durchaus auch eine Chance im internationalen Vergleich.

Herr Professor Mädche, vielen Dank für das spannende und interessante Interview. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg bei ihren Forschungen.

Das Interview führten Katharina König und Philipp Rothmann




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